* 36 *

36. Tiefgefroren

 

Jäger

Junge 412 hob die Falltür langsam ein paar Zentimeter an und spähte hinaus. Ein Schauer überfiel ihn. Die Tür zum Tränkeschrank stand weit offen, und sein Blick fiel direkt auf die schmutzigen braunen Stiefel des Jägers.

Der Jäger stand nur ein paar Schritte entfernt mit dem Rücken zum Schrank, den grünen Umhang über den Schultern, die silberne Pistole schussbereit in der Hand. Er starrte auf die Küchentür, als ob er jeden Augenblick darauf zustürmen wollte.

Junge 412 war gespannt, was er tun würde, doch der Mann tat nichts. Er schien auf etwas zu warten. Wahrscheinlich darauf, dass Tante Zelda aus der Küche kam.

In der Hoffnung, dass Tante Zelda nicht kam, fasste Junge 412 nach unten und streckte die Hand nach Jennas Panzerkäfer aus.

Jenna stand nervös auf der Leiter unter ihm. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Junge 412 war so angespannt und rührte sich nicht. Als er ihr die Hand entgegenstreckte, nahm sie den zusammengerollten Panzerkäfer aus der Tasche und reichte ihn Junge 412, wie sie es vorher abgesprochen hatten. Im Stillen wünschte sie dem Käfer viel Glück. Sie hatte ihn ins Herz geschlossen und trennte sich nur ungern von ihm.

Junge 412 nahm ihr den Käfer vorsichtig ab und schob ihn langsam durch die offene Falltür. Er setzte die gepanzerte grüne Kugel auf den Boden, ließ sie aber nicht los und drehte sie in die richtige Richtung.

In Richtung Jäger.

Dann erst ließ er los. Sofort streckte sich der Käfer, richtete die durchdringenden grünen Augen auf den Jäger und zückte mit einem leisen Klirren sein Schwert. Bei dem Geräusch hielt Junge 412 den Atem an. Hoffentlich hatte der Jäger es nicht gehört. Doch der stämmige Mann in Grün rührte sich nicht. Junge 412 atmete langsam aus und gab dem Käfer einen leichten Stups mit dem Finger. Der Käfer stieg in die Luft und stürzte sich mit einem schrillen Schrei auf seinen Gegner.

Der Jäger tat nichts.

Er drehte sich nicht um, ja, er zuckte nicht einmal, als der Käfer auf seiner Schulter landete und das Schwert zum Hieb erhob. Junge 412 war beeindruckt. Er wusste, dass der Jäger ein harter Bursche war, aber das war mit Sicherheit nicht mehr normal.

Und dann erschien Tante Zelda.

»Achtung!«, schrie Junge 412. »Der Jäger!«

Tante Zelda erschrak. Aber nicht vor dem Jäger, sondern weil sie Junge 412 noch nie sprechen gehört hatte und deshalb nicht wusste, wer gerufen hatte. Oder wo die fremde Stimme hergekommen war.

Doch es kam noch merkwürdiger. Tante Zelda pflückte den Panzerkäfer von der Schulter des Jägers und gab ihm einen Klaps, damit er sich zusammenrollte.

Und der Jäger tat noch immer nichts.

Tante Zelda steckte den Käfer rasch in eine ihrer vielen Flickentaschen und sah sich um. Von wo war die Stimme nur hergekommen? Dann entdeckte sie Junge 412, der unter der Falltür hervorlugte.

»Bist du das?«, stieß sie hervor. »Gott sei Dank ist dir nichts passiert. Wo ist Jenna?«

»Hier«, antwortete Junge 412 zögerlich, da er fürchtete, der Jäger könnte ihn hören. Doch der Jäger hatte ihn anscheinend nicht gehört, und Tante Zelda schenkte ihm nicht mehr Beachtung als einem sperrigen Möbelstück. Sie umkurvte seine reglose Gestalt, hob die Falltür und half Junge 412 und Jenna heraus.

»Wie schön, euch zu sehen«, rief sie fröhlich. »Ihr seid beide wohlauf. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.«

»Aber ... was ist mit ihm?« Junge 412 deutete auf den Jäger.

»Eingefroren«, antwortete Tante Zelda mit zufriedener Miene. »Er ist eingefroren und bleibt es auch, bis ich weiß, was mit ihm geschehen soll.«

»Wo ist Nicko? Ist er okay?«, fragte Jenna beim Herausklettern.

»Es geht ihm gut«, antwortete Tante Zelda. »Er ist hinter dem Lehrling her.«

Sie hatte den Satz kaum beendet, da flog krachend die Tür auf und der Lehrling taumelte triefnass ins Zimmer, gefolgt von einem ebenfalls triefnassen Nicko, der ihn am Kragen hatte.

»Du Schwein«, fauchte Nicko und knallte die Tür zu. Er ließ den Jungen los und ging zum Kamin, um sich am Feuer zu trocknen.

Der Lehrling stand traurig und triefend da und blickte Hilfe suchend zum Jäger. Und er wurde noch trauriger, als er sah, was geschehen war. Der Jäger war mitten im Sprung mit der Pistole in der Hand erstarrt und stierte ins Leere. Der Lehrling schluckte – eine große Frau in einem weiten Flickenkleid kam zielstrebig auf ihn zu, und von den bebilderten Feindkarten, die er sich vor Beginn der Jagd hatte ansehen müssen, wusste er nur zu gut, wer sie war.

Sie war die verrückte Weiße Hexe, Zelda Zanuba Heap.

Und dort standen der Zaubererjunge Nickolas Benjamin Heap und Nummer 412, der verachtete Ausreißer und Deserteur. Sie waren alle hier, genau wie man es ihm gesagt hatte. Aber wo war die eine, deretwegen sie eigentlich gekommen waren? Wo war die Prinzessin?

Der Lehrling sah sich um und entdeckte Jenna im Schatten hinter Junge 412. In ihrem langen dunklen Haar glänzte ein goldenes Diadem, und ihre Augen waren violett, genau wie auf dem Bild auf der Feindkarte (das Linda Lane, die Spionin, sehr gekonnt gezeichnet hatte). Die Prinzessin war etwas größer, als er erwartet hatte, aber kein Zweifel, sie war es.

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als ihm die Idee kam, sich die Prinzessin ganz allein zu schnappen. Der Meister wäre hoch zufrieden mit ihm. Bestimmt würde er alle seine früheren Patzer vergessen und nicht mehr damit drohen, ihn als Entbehrlichen in die Jungarmee zu stecken. Zumal nicht einmal dem Jäger dieses Kunststück geglückt war.

Er wollte es versuchen.

Obwohl ihn die nassen Kleider behinderten, preschte er zur Überraschung aller Anwesenden vor und packte Jenna. Er war erstaunlich stark für seine Größe. Er nahm sie in den Schwitzkasten, sodass sie kaum noch Luft bekam, und zerrte sie in Richtung Tür.

Tante Zelda machte einen Schritt auf ihn zu, doch er klappte sein Taschenmesser auf und hielt Jenna die Klinge an die Kehle.

»Wenn mich jemand aufhalten will, steche ich zu«, fauchte er. Er schleppte Jenna zur Tür hinaus und den Weg hinunter in Richtung Kanu. Der Magog, der im Kanu wartete, schenkte der Szene nicht die geringste Beachtung. Er war gerade damit beschäftigt, seinen fünfzehnten ertrunkenen Panzerkäfer zu verflüssigen, und seine Arbeit begann erst, wenn die Gefangene im Kanu saß.

Und das war nicht mehr lange hin.

Doch Nicko wollte seine Schwester dem Lehrling nicht kampflos überlassen. Er jagte ihm nach und warf sich auf ihn. Der Lehrling prallte gegen Jenna und ging mit ihr zu Boden. Ein Schrei ertönte. Es rann Blut.

Nicko riss den Lehrling zur Seite.

»Jen!«, stieß er hervor. »Bist du verletzt?«

Jenna sprang auf und starrte auf das Blut auf dem Weg.

»Ich ... ich glaube nicht«, stammelte sie. »Aber er. Ich glaube, er ist verletzt.«

»Geschieht ihm ganz recht«, sagte Nicko und beförderte das Messer mit einem Fußtritt außer Reichweite.

Nicko und Jenna zogen den Lehrling auf die Füße. Er hatte eine Schnittwunde am Arm, sonst schien er unverletzt. Aber er war leichenblass. Der Lehrling konnte kein Blut sehen, schon gar nicht sein eigenes. Er bekam es mit der Angst, als sie ihn zur Hütte zurückschleppten. Was hatten die Zauberer mit ihm vor? Er unternahm einen letzten Fluchtversuch. Er entwand sich Jennas Griff und trat Nicko kräftig gegen das Schienbein.

Ein Kampf entbrannte. Der Lehrling versetzte Nicko einen Faustschlag in den Magen und wollte ihn gerade ein zweites Mal treten, da drehte ihm Nicko den Arm auf den Rücken.

»Lass den Quatsch«, rief Nicko. »Glaub bloß nicht, du kommst ungestraft davon, wenn du versuchst, meine Schwester zu entführen, du Schwein.«

»Er wäre nie entkommen«, spottete Jenna. »Er ist zu dumm.«

Der Lehrling konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihn jemand dumm nannte. Sein Meister nannte ihn immer so. Dummkopf. Spatzenhirn. Trottel. Das konnte er nicht ausstehen.

»Ich bin nicht dumm.« Er sog hörbar Luft ein, als Nicko seinen Griff anzog. »Ich kann alles tun, was ich will. Ich hätte sie erschießen können, wenn ich gewollt hätte. Sie wäre heute Nacht nicht die Erste gewesen. Damit ihr’s wisst.«

Schon in der nächsten Sekunde bereute der Lehrling seine Worte. Vier Augenpaare starrten ihn vorwurfsvoll an.

»Was meinst du damit?«, fragte Tante Zelda ganz ruhig. »Sie wäre nicht die Erste gewesen?«

Der Lehrling beschloss, nicht klein beizugeben.

»Das geht euch nichts an. Ich kann schießen, wann ich will. Und wenn ich auf eine fette Pelzkugel schießen will, die mir bei einem offiziellen Auftrag in die Quere kommt, dann tu ich es auch.«

Entsetztes Schweigen folgte. Nicko brach es.

»Dieses Schwein hat auf den Boggart geschossen!«

»Autsch!«, heulte der Lehrling.

»Bitte keine Gewalt, Nicko«, sagte Tante Zelda. »Ganz gleich was er getan hat, er ist nur ein Junge.«

»Ich bin nicht nur ein Junge«, widersprach der Lehrling hochnäsig. »Ich bin Lehrling bei DomDaniel, dem größten Zauberer und Schwarzkünstler. Ich bin der siebte Sohn eines siebten Sohns.«

»Was?«, fragte Tante Zelda. »Was sagst du da?«

»Ich bin Lehrling bei DomDaniel, dem größten ...«

»Nicht das. Das wissen wir. Die schwarzen Sterne auf deinem Gürtel sind ja nicht zu übersehen.«

»Ich sagte«, sprach der Lehrling mit stolzer Stimme und froh, dass ihn endlich jemand ernst nahm, »dass ich der siebte Sohn eines siebten Sohns bin. Ich verfüge über magische Kräfte.« Auch wenn sich das noch nicht gezeigt hat, dachte er bei sich. Aber das wird schon noch kommen.

»Ich glaube dir nicht«, sagte Tante Zelda mit ausdrucksloser Stimme. »Mir ist noch nie jemand begegnet, der weniger vom siebten Sohn eines siebten Sohns hat.«

»Aber ich bin es«, beteuerte der Lehrling beleidigt. »Ich bin Septimus Heap.«

Septimus Heap 01 - Magyk
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